11.12.2008

Zisch

Knecht holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Er rollte die Dose zwischen den Händen hin und her, während er am Fenster lehnte und auf die Stadt hinaus sah. Draussen ging Regen nieder, mitten im Dezember. Knecht sagte, das sei unsere persönliche Klimakatastrophe. Überhaupt, in unserer Zeit müsse man immer persönlich betroffen sein um das Ausmaß einer drohenden oder fortschreitenden Katastrophe zu erkennen.
Der Schaum zischte aus der Öffnung, als er den Ringverschluss knackend in die Sollbruchstelle im Weißblech drückte.

04.07.2008

Show must go on

Knecht saß im Sessel und sah ein Video auf youtube „Who are you“ live 8 the Who.
Pete Townsend mit kurzen grauen Haaren. Die Musik wie damals, wahrscheinlich haben sie alle einiges dazu gelernt meinte Knecht nach einer Weile, wahrscheinlich sind sie verdammt viel besser als damals geworden, aber sie spielen immer noch die alten Hits.
Sie mache eben was sie gelernt haben, was sie schon immer gemacht haben.
Ja, aber sie sind älter geworden, ist das nicht normalerweise mit einem gewissen Reifungsprozess verbunden?
Ich mein schau uns an, wie werden wir mit sechzig in der Gegend herum laufen?
In den gleichen Klamotten wie vor vierzig Jahren, werden wir immer noch das gleiche tun wie heute?

das Showbusiness ist pervers, es verurteilt seine Helden zum Stillstand, dazu immer und immer wieder im Kreis zu laufen, weil wir sie alle so sehen wollen wie sie damals waren, nicht wie sie heute sind.

11.05.2008

Schau an

Knecht war heute nicht gut drauf. Er saß auf einem Sessel in meinem Wohnzimmer und starrte auf den Bildschirm. Ich wollte ihn ein bisschen aufmuntern und meinte er solle lieber etwas an die Sonne gehen, heute war ein wunderschöner Maitag.
Sonne, das war das Stichwort. Knecht blickte nur kurz vom Bildschirm auf und sah mir in die Augen. Dann versank sein Blick wieder in den Pixelwelten.

05.05.2008

Ungewiss

Knecht lehnte an der Tür und sah mich an. Es macht mir Unbehagen, wenn mich jemand von der Seite anschaut, während ich ein e-mail in die Tastatur hacke. Es bedurfte fünf Seitenblicke und ein „Was ist ?“, bis er mit der Sprache rausrückte. Ihm sei aufgefallen, dass ich in der letzten Zeit immer wortkarger würde. Das sei mir auch schon aufgefallen, erwiderte ich. In meinem Kopf entstand das Bild einer Kreissäge, die die Spannung die gerade in der Luft lag in kleine Scheibchen zirrmte. Knecht neigte seinen Kopf ein paar Grad zur Seite, schlechtes Zeichen, das wusste ich inzwischen, er hatte ein Theorie im Kopf, die er loswerden wollte.

Navigator

Knecht hat mich heute wieder daran erinnert, dass ich schreiben wollte. Nicht dass ihn meine literarischen Ambitionen wirklich interessieren würden, aber eine gewisse Eitelkeit ist bei Knecht deutlich, weil ich über Ihn schreibe. Ich könne es nicht erzwingen, war mein übliches Argument, aber diesmal ließ er es nicht durchgehen. Er meinte ich solle von den Navis schreiben, von der Idee mit den taumelnden Passanten, die nicht mehr geradeaus schauen, sondern unentwegt in Ihr Handydisplay starren, weil sie den Anweisungen Ihres Personal Navigation Assistant (PNA) folgen. Knecht meinte mit den Navis könnte man in ein paar Jahren mal Leute kidnappen, ein gefundenes Fressen für Cyberterroristen. Sie hacken sich ins PNA System des Opfers und leiten es in unbekannte Zonen der Stadt, bis sich das Opfer völlig orientierungslos in der Hand des Angreifers befindet. Entweder das Opfer zahlt oder man lässt es in der Innenstadt einer Metropole verhungern. Es entbehrt nicht eines lasziven Reizes wenn man darüber nachdenkt.

03.05.2008

Mauersegeln

Knecht saß heute morgen auf der Fensterbank und lehnte sich so weit zurück, dass ich es mit der Angst bekam und zugriff. Er lachte mich aus und meinte ich solle über die Vögel schreiben. Ich wusste nicht was er meinte, bis er mit dem rechten Zeigefinger auf ein Schwalbennest deutete, dass sich direkt unter unserer Dachrinne befand. Knecht sagte, die Schwalben nutzen solche schwer zugängliche Quartiere als Ausgangspunkt um in der Luft zu jagen. Schwalben profitieren vom Menschen, weil sie in den besiedelten Gebieten Nistplätze finden. Ich wollte wissen wieso ich darüber schreiben sollte.
Knecht meinte, das würde ich erst verstehen, wenn sie nicht mehr kämen im Sommer.

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warum schreibt man eigentlich oder ist die Frage eher: warum schreibt man nicht? Geschriebene Worte sind Herzblutspenden, überlieferte Weisheit, in Stein gemeißelte Gefühle, mitgeteilte Gedankenblitze. Nervenpolaroids so manche, filigrane Gebäude die anderen. Wie sonst soll man sich durch die Seelenlandschaften finden? Durch die sonnigen Gärten, sandigen Strände, kühlen Wälder, Höhlen und Grotten der Seele? Geschriebenes ist wie eine Landkarte um den geneigten Leser durch die inneren und äußeren Welten zu leiten, mögliche Überschneidungen der Universen zu finden. Worte sind dabei die Lampe am Helm des Höhlenforschers, der Projektor auf dem die Filme der Vergangenheit und der Träume ablaufen. So manch Gedicht ist Balsam, die eine oder andere Geschichte das pure Leben, ein Artikel kann Wunder wirken, Poesie ist Zauberei und wer lauscht nicht gern dem Wort des Mimen? Worte die geschrieben sind erhalten eine zusätzliche Dimension im Vergleich zu gesprochenen, sie reiten in der Zeit. Das Hier und Jetzt gebannt in einem erstarrten Augenaufschlag, der beim Lesen wieder in Bewegung gerät, sich zur Gegenwart gesellt und erneut entsteht.